09.08.21 - Wald Vortrag

Forstingenieur Christian Kehrenberg referierte zu Wald gestern- heute- morgen

Auf Einladung des Vorstands des Landfrauenvereins Nauheim hielt coronabedingt vor wenigen Tagen im Gesundheitszentrum Medifit in Rüsselsheim, der studierte Forstingenieur Christian Kehrenberg von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald einen informativen Vortrag über die Geschichte des Waldes in unserer Region.

In Wort und Bild nahm der Experte die Teilnehmer mit auf eine gedankliche Zeitreise über die Rückkehr des Waldes nach Mitteleuropa nach der letzten Eiszeit.

Durch den interessanten Vortrag war zu erfahren, das nach und nach die einzelnen Baumarten aus dem Süden zu uns zurückgekehrt sind, war Deutschland weitgehend vollständig von Buchenmischwäldern bedeckt. Erst vor rund 2.000 Jahren begannen die Menschen großflächig, dem Wald immer mehr Land abzuringen. Er musste nicht nur für Siedlungsraum und landwirtschaftliche Flächen weichen, er war auch die wichtigste Rohstoffquelle: Holz wurde als universeller Baustoff für den Bau von Häusern, Schiffen, Möbeln, Fässern und vielem mehr benötigt. Mit der Erfindung der Holzköhlerei war nicht nur Holz, sondern auch Holzkohle ein gefragter Energieträger. Schweine und Rinder wurden zur Mast in den Wald getrieben, damit sie unter Buchen und Eichen fett wurden. Und auch andere, heute weitgehend vergessene Rohstoffe wurden genutzt: Baumharz von Kiefern als chemischer Grundstoff, "Lohrinde“ von Eichen zum Gerben von Leder sind nur zwei weitere. Das Mittelalter wird daher gerne auch als "hölzernes Zeitalter“ bezeichnet. So kam es, dass der Wald immer weiter zurückgedrängt wurde. Doch stets wurden nur Bäume gerodet, an Aufforstungen dachte niemand.

Um 1800 war Deutschland weitgehend entwaldet. Meist nur in unzugänglichem Gelände und auf schlechten Böden konnte sich der Wald halten. Vor 300 Jahren begann das Umdenken. Es kam zu ersten Aufforstungen und Forstwirtschaft wurde ein eigener Forschungszweig, aber besondere Entlastung für den Wald kam erst durch die Entdeckung fossiler Brennstoffe, die Ertragssteigerung in der Landwirtschaft durch künstliche Dünger und die Verwendung von Stein, Stahl und Glas als moderne Baustoffe. In der Folge nahmen die Wälder wieder zu und Hessen besteht heute zu 42% aus Wald!

Heute erfüllt der Wald viele Funktionen für Mensch und Natur: Er ist nicht einfach nur Rohstoffquelle und Arbeitsplatz, er schützt unsere Böden vor Austrocknung, spendet sauberes Grundwasser, dass wir als Trinkwasser nutzen können, ist Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten und nicht zuletzt auch ein wichtiger Erholungsort für den Menschen. Gerade im Kreis Groß-Gerau sind die Wälder so artenreich und vielgestaltig wie kaum wo anders: Von den Hochwassergeprägten Auwäldern mit Weiden, Pappeln, Eichen, Ulmen, Eschen und Ahorn über Buchenbestände bis hin zu Eichen- und Kiefernwäldern auf den sandigsten und Nährstoffärmsten Standorten ist alles vertreten. Doch wer heute offenen Auges durch die Wälder unserer Region läuft, stellt fest: Unserem Wald geht es nicht gut. Überall sterben Bäume und es ist schwer, eine neue Waldgeneration an den Start zu bringen. Massiver Mistelbefall und Pilzinfektionen an der Kiefer, neue Krankheitsbilder wie die Rußrindenkrankheit am Ahorn und das Eschentriebsterben und dann die trocken-heißen Sommer der vergangenen Jahre setzen dem Wald im Rhein-Main-Gebiet unheimlich zu. Allein schon die Hitze der wenigen Tage mit fast 40°C reicht, um Buchen zum Absterben zu bringen. Und wenn der erste Baum ausgefallen ist, stehen auch die benachbarten Bäume mehr in der Sonne und der Waldbestand löst sich nach und nach auf.

Unter den absterbenden Bäumen sind dichte Brombeerteppiche und die Spätblühende Traubenkirsche eine starke Konkurrenz für die jungen Bäumchen und an den Wurzeln fressen vielerorts riesige Mengen von Maikäferengerlingen. Ganz besonders dramatisch wirkt sich die umfangreiche Grundwasserentnahme für Trinkwasser für den Frankfurter Raum aus. Das Grundwasser ist in vielen Bereichen um mehrere Meter abgesunken, stellenweise so tief, dass es für keine Baumwurzel mehr zu erreichen ist. Auch ohne die zu erwartenden klimatischen Veränderungen sind die Bedingungen für den Wald in Südhessen heute nicht sehr gut. Durch den Klimawandel ist damit zu rechnen, dass es wärmer und trockener wird. Das bisschen Regen reicht dann nicht mehr aus, um einen gesunden Wald zu erhalten, wichtig ist dann vor allem erreichbares Grundwasser. Doch wie sieht der Wald von morgen aus? Die meisten unserer Baumarten tun sich inzwischen mit den trocken-heißen Sommern schwer. Baumarten aus dem warmen Mittelmeerraum zu holen ist aber auch keine Lösung - diese Bäume vertragen zwar unsere Sommer, die meisten aber nicht die Winter mit gelegentlichen Frösten. Bei jungen heimischen Bäumchen wird teilweise auf Nachkommen aus besonders trockenen Regionen gesetzt. Da aber niemand weiß, wie sich die einzelnen Baumarten auf Dauer schlagen, wird bei Pflanzungen auf mehrere Arten gesetzt - in der Hoffnung, dass möglichst viele der Bäume durchkommen.

Insgesamt findet auch ein Umdenken mit Blick auf die Bedeutung des Waldes statt. In manchen Bereichen werden die Wälder in erster Linie zum Schutz von Boden, Wasser und Klima notwendig sein, die holzwirtschaftliche Nutzung wird in den Hintergrund treten. Wie der Wald von morgen genau aussehen wird, hängt ganz stark davon ab, wie der Mensch heute mit der Umwelt umgeht: Wie sehr treiben wir den Klimawandel noch voran und wie viel Grundwasser lassen wir dem Wald noch?

Nach dem aufschlussreichen und kritischen Informationen, die von den Besuchern nachdenklich und betroffen aufgenommen wurden war Gelegenheit gegeben, Herrn Kehrenberg Fragen zu stellen, die kompetent und ausführlich beantwortet wurden. In den Dankesworten betonte Anne Dammel, Vorsitzende der Nauheimer Landfrauen, Herr Kehrenberg hat durch seinen Vortrag wichtige Impulse gegeben und vor Augen geführt, dass es mit unserer Umwelt kurz vor Zwölf ist.

Wir müssen an die Nachfolgenden Generationen denken, ein Umdenken ist unbedingt erforderlich.
Die Lage ist ernst.
Es muss allen bewusst werden sich für eine bessere Umwelt einzusetzen, zu kämpfen.

Christian Kehrenberg und Anne Dammel / 10.08.2021


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